Achtsamkeit im Alltag: Warum Selbstmitgefühl manchmal hilfreicher ist als Selbstkritik
- 19. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Viele Menschen reagieren auf persönliche Schwierigkeiten mit Härte gegen sich selbst. Sie glauben, sie müssten sich nur stärker zusammenreißen, disziplinierter sein oder unangenehme Gefühle einfach ignorieren. Diese Strategie funktioniert jedoch nicht immer. Mehr dazu jetzt in "Mindful Monday" im LSJonline-Mittagsmagazin.
Gerade bei psychischen Belastungen kann ein anderer Umgang mit sich selbst entscheidend sein: ein verständnisvoller und mitfühlender Blick auf die eigenen Bedürfnisse.
Während körperliche Beschwerden häufig ernst genommen werden, sobald sie messbar sind – etwa durch Fieber oder auffällige medizinische Werte –, werden seelische Belastungen oft heruntergespielt. Erschöpfung, Traurigkeit, fehlende Motivation oder innere Unruhe werden schnell mit Aussagen wie „Reiß dich zusammen“ oder „Das geht schon vorbei“ abgetan.
Doch ständiger Druck und Selbstvorwürfe führen selten dazu, dass es besser wird. Häufig verstärken sie die Belastung sogar.
Selbstmitgefühl als Schlüssel zum besseren Umgang mit Problemen
Ein fehlender Zugang zu den eigenen Bedürfnissen kann dazu beitragen, dass bestimmte Schwierigkeiten bestehen bleiben oder sich verschlimmern. Wer ständig gegen sich selbst arbeitet, übersieht möglicherweise wichtige Signale der eigenen Psyche.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich alles durchgehen zu lassen oder keine Verantwortung mehr zu übernehmen. Es bedeutet vielmehr, sich selbst mit derselben Geduld und Freundlichkeit zu begegnen, die man auch einem guten Freund oder einer guten Freundin entgegenbringen würde.
Die folgenden Situationen können Hinweise darauf geben, dass mehr Selbstverständnis hilfreich sein könnte.
1. Selbst einfache Aufgaben erscheinen plötzlich überwältigend
Manchmal fällt es schwer, selbst kleine Dinge zu erledigen. Aufgaben, die eigentlich schnell erledigt wären, fühlen sich an wie eine große Hürde. Viele Menschen reagieren darauf mit Selbstkritik und bezeichnen sich als faul oder undiszipliniert.
Doch fehlender Antrieb hat häufig tiefere Ursachen. Er kann mit Überforderung, emotionaler Erschöpfung oder anderen Belastungen zusammenhängen. Sich zusätzlich Vorwürfe zu machen, verstärkt das Problem oft nur.
Hilfreicher kann es sein, neugierig zu hinterfragen:
Warum fällt mir diese Aufgabe gerade schwer?
Fehlt mir Energie, Zeit oder Unterstützung?
Gibt es etwas, das mich innerlich belastet?
Ein verständnisvoller Umgang mit sich selbst kann dabei helfen, die tatsächliche Ursache zu erkennen.
2. Die Angst, andere zu enttäuschen oder negativ aufzufallen
Manche Menschen verbringen viel Zeit damit, darüber nachzudenken, ob sie etwas Falsches gesagt oder getan haben. Sie versuchen, jede Reaktion anderer vorherzusehen und ihr Verhalten möglichst perfekt anzupassen.
Das Problem dabei: Selbst wenn wir uns immer richtig verhalten, können wir nicht bestimmen, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Außerdem führt ständige Selbstkontrolle oft dazu, dass wir uns verkrampfen und weniger authentisch auftreten.
Mehr Selbstmitgefühl kann dabei helfen, den inneren Druck zu reduzieren. Wer akzeptiert, dass Fehler menschlich sind, begegnet anderen häufig entspannter – und erhält oft auch mehr Verständnis zurück.
3. Aufgaben dauern länger als geplant und das Ergebnis fühlt sich trotzdem nicht gut genug an
Viele Menschen setzen sich sehr hohe Maßstäbe. Wenn ein Vorhaben länger dauert als erwartet oder das Ergebnis nicht perfekt erscheint, interpretieren sie das schnell als persönliches Versagen.
Dabei liegt das Problem häufig nicht in mangelnden Fähigkeiten, sondern in unrealistischen Erwartungen.
Statt sich mit Gedanken wie:
„Ich müsste längst fertig sein.“
„Das ist nicht gut genug.“
unter Druck zu setzen, kann ein freundlicherer innerer Dialog helfen:
„Ich gebe gerade mein Bestes.“
„Es ist in Ordnung, wenn etwas mehr Zeit braucht.“
Perfektion ist in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Oft reicht es vollkommen aus, eine Aufgabe solide statt vollständig makellos zu erledigen.
4. Wiederkehrende Sorgen und belastende Gedanken lassen sich schwer abschalten
Viele Menschen kennen Gedankenschleifen, in denen sie vergangene Situationen immer wieder analysieren oder sich Sorgen über mögliche Fehler machen.
Natürlich bedeutet Selbstmitgefühl nicht, dass man sich stundenlang in diesen Gedanken verlieren sollte. Allerdings kann es wenig hilfreich sein, die eigenen Gedanken sofort abzulehnen oder sich darüber zu ärgern, dass sie überhaupt auftauchen.
Stattdessen kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen:
Was beschäftigt mich eigentlich?
Welche Situationen lösen diese Gedanken aus?
Welche Gefühle stehen dahinter?
Ein verständnisvoller Umgang mit den eigenen Gedanken kann helfen, Muster zu erkennen und langfristig besser damit umzugehen.
5. Ein Ziel ist vorhanden, aber die Umsetzung bleibt aus
Es kann sehr frustrierend sein, wenn man genau weiß, was man erreichen möchte, aber trotzdem nicht ins Handeln kommt. Häufig entsteht daraus Ärger über sich selbst.
Doch Selbstvorwürfe lösen die Blockade meist nicht. Sie verbrauchen Energie und erhöhen den inneren Druck.
Statt sich zu fragen, warum man „nicht einfach anfängt“, kann eine andere Perspektive hilfreicher sein:
Gibt es Ängste, die mich zurückhalten?
Bin ich vielleicht überfordert?
Sind meine Erwartungen zu hoch?
Passt dieses Ziel überhaupt noch zu mir?
Hinter fehlender Motivation steckt oft ein Grund. Diesen herauszufinden, ist meist wirkungsvoller als sich selbst zu verurteilen.
Selbstmitgefühl ersetzt keine notwendigen Veränderungen
So wertvoll Selbstmitgefühl auch ist: Es kann nicht alle Probleme allein lösen. Ein freundlicherer Umgang mit sich selbst bedeutet nicht, dass persönliche Verantwortung oder gesellschaftliche Veränderungen unwichtig werden.
Menschen brauchen Rahmenbedingungen, in denen psychische Gesundheit genauso ernst genommen wird wie körperliche Gesundheit. Dazu gehören beispielsweise:
medizinische Fachkräfte, die psychische Beschwerden ernst nehmen,
Arbeitsbedingungen, die Menschen nicht dauerhaft überfordern,
ein offenerer Umgang mit psychischen Erkrankungen,
mehr Wissen darüber, dass Körper und Psyche untrennbar miteinander verbunden sind.
Gesundheit besteht nicht nur aus guten Blutwerten oder körperlicher Leistungsfähigkeit. Auch die mentale Verfassung spielt eine entscheidende Rolle.


