Achtsamkeit im Alltag: Warum ein gesunder Umgang mit Scham wichtiger ist
Scham gilt heute häufig als Gefühl, das wir möglichst schnell loswerden sollten. Sie steht für Unsicherheit, Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen. Doch ganz so eindeutig ist es nicht. Denn Scham kann uns nicht nur belasten – in bestimmten Situationen kann sie uns auch dabei helfen, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Mehr dazu jetzt in "Mindful Monday" im LSJonline-Mittagsmagazin.
Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob wir uns schämen, sondern vielmehr, was wir mit diesem Gefühl anfangen.
Wenn Scham uns ausbremst
Wer sich häufig schämt, kann dadurch im Alltag erheblich eingeschränkt werden. Manche Menschen verzichten auf Möglichkeiten, weil sie Angst vor Bewertung haben. Andere sprechen ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht aus oder zweifeln ständig an ihrem eigenen Wert.
Besonders problematisch wird es, wenn Scham uns davon abhält, notwendige Hilfe anzunehmen. Ein Arztbesuch oder ein Gespräch mit einer Therapeutin kann beispielsweise dringend erforderlich sein – und trotzdem schieben wir den Termin aus Angst oder Verlegenheit immer weiter auf.
Es spricht also vieles dafür, sich mit der eigenen Scham auseinanderzusetzen. Dabei sollten wir allerdings nicht in die Falle tappen, das Gefühl grundsätzlich unterdrücken zu wollen.
Denn unangenehme Emotionen verschwinden nicht automatisch dadurch, dass wir sie ignorieren. Was wir verdrängen, kann weiterhin unser Denken und Handeln beeinflussen. Gefühle lassen sich schließlich nicht einfach abschalten, nur weil wir sie gerade nicht gebrauchen können.
Zwischen hilfreichem Signal und destruktiver Belastung
Die Aufforderung, sich von Scham zu befreien, begegnet uns mittlerweile an vielen Stellen – in sozialen Netzwerken ebenso wie in den Medien. Und tatsächlich kann es befreiend sein, sich von übermäßiger Scham zu lösen. Vor allem dann, wenn sie unser Selbstvertrauen zerstört oder uns daran hindert, unser Leben selbstbestimmt zu führen. Allerdings ist Scham nicht automatisch schädlich.
Der Psychologe Dr. Dylan Selterman unterscheidet deshalb zwischen verschiedenen Formen des Gefühls. Auf „Psychology Today“ schreibt er: "Wenn Menschen Scham als Antwort auf ihr schlechtes Verhalten fühlen und sie das motiviert, an sich zu arbeiten, dann ist Scham etwas Gutes. Aber wenn Menschen sich die ganze Zeit in allen möglichen Situationen schämen, und das unabhängig von ihrem Verhalten, dann wird Scham selbstzerstörerisch."
Ein entscheidender Punkt ist also, worauf sich unsere Scham richtet. Geht es um eine konkrete Handlung, die wir bereuen? Oder bewerten wir gleich unsere gesamte Persönlichkeit negativ?
Ein Fehler macht uns nicht zu einem schlechten Menschen
Auch eine übertriebene Verallgemeinerung kann dazu führen, dass Scham destruktiv wird. Wer beispielsweise erkennt, dass er häufig zu spät kommt, kann sich vornehmen, künftig besser auf die Zeit zu achten. Das ist eine konkrete und veränderbare Eigenschaft. Etwas völlig anderes ist es, aus diesem Verhalten auf den eigenen gesamten Charakter zu schließen.
Selterman formuliert es so: "Wenn wir finden, dass wir einen Aspekt unserer Persönlichkeit verbessern könnten, etwa unsere Pünktlichkeit, ist das vernünftig und etwas ganz anderes, als zu finden, dass wir insgesamt eine schlechte Person sind."
Genau hier liegt eine wichtige Grenze. Selbstkritik kann uns dabei unterstützen, unser Verhalten zu verändern. Ein umfassendes Gefühl von Wertlosigkeit dagegen kann uns lähmen. Es erschwert, für die eigenen Interessen einzustehen, Fehler anzunehmen und gleichzeitig freundlich mit sich selbst umzugehen.
Gefühle müssen nicht gut oder schlecht sein
Vielleicht hilft deshalb ein anderer Blick auf Scham. Sie muss nicht grundsätzlich bekämpft werden. Wie andere Emotionen kann sie zunächst einfach als Information verstanden werden.
Scham kann uns beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass etwas, das wir getan oder gesagt haben, nicht mit unseren eigenen Vorstellungen und Werten übereinstimmt. Wenn wir daraus Konsequenzen ziehen und unser Verhalten verändern möchten, erfüllt das Gefühl sogar eine sinnvolle Funktion.
Problematisch wird es erst dann, wenn aus der Bewertung einer einzelnen Situation eine umfassende Verurteilung der eigenen Person wird. Die entscheidende Frage lautet somit nicht: „Wie werde ich meine Scham los?“ Sondern eher: „Was versucht mir dieses Gefühl gerade mitzuteilen?“
Gefühle beobachten, statt vor ihnen davonzulaufen
Das gilt übrigens nicht nur für Scham. Auch Wut, Angst oder andere unangenehme Emotionen müssen nicht automatisch zu unseren Gegnern erklärt werden.
Wir können versuchen, sie zunächst wahrzunehmen und zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass wir jedes Gefühl ausleben oder ihm blind folgen müssen. Es bedeutet vielmehr, ihm kurz Aufmerksamkeit zu schenken und herauszufinden, welche Information darin steckt.
Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu erkennen. Wer dauerhaft unter starker und allgemeiner Scham leidet oder sich dadurch im Alltag erheblich eingeschränkt fühlt, kann professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, die Ursachen und Muster hinter solchen Gefühlen besser zu verstehen.



