Bewegungsmangel: Warum fehlende Bewegung schon früh zum Gesundheitsrisiko wird
- vor 20 Stunden
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Kinder rennen, klettern und springen doch ganz automatisch – sollte man meinen. Tatsächlich zeigt sich jedoch seit Jahren ein gegenteiliger Trend: Kinder und Jugendliche bewegen sich im Alltag immer weniger. Auch bei den eigenen Kindern lohnt sich deshalb ein genauer Blick darauf, wie viel Zeit tatsächlich aktiv verbracht wird.
Mehr dazu heute in MOMMYTIME.
Der Tagesablauf eines durchschnittlichen Grundschulkindes macht das Problem deutlich: Rund neun Stunden entfallen auf Schlaf, weitere sieben bis neun Stunden werden sitzend verbracht. Etwa fünf Stunden verbringen Kinder im Stehen. Für wirkliche körperliche Aktivität bleiben im Durchschnitt gerade einmal 53 Minuten.
Bei Kindern, die in Städten leben, fällt die tägliche Bewegungszeit teilweise sogar auf nur 15 Minuten. Für eine gesunde Entwicklung gelten dagegen etwa 90 Minuten Bewegung mit mittlerer bis hoher Intensität als sinnvoll. Selbst wenn Kinder ihren Schulweg nicht mit dem Auto zurücklegen, wird dieses Ziel im Alltag also schnell verfehlt.
Bewegungsmangel beginnt bereits vor der Schule
Nicht erst der Schulalltag führt dazu, dass Kinder zu viel sitzen. Bereits im Vorschulalter sind mangelnde Bewegung, lange Bildschirmzeiten und zu wenig Schlaf weit verbreitet. Darauf weist eine umfangreiche Auswertung von Studiendaten aus 33 Ländern hin, deren Ergebnisse im JAMA Pediatrics veröffentlicht wurden.
Gerade die ersten Lebensjahre spielen eine entscheidende Rolle. Verhaltensweisen, die Kinder in dieser Zeit entwickeln, können sie über viele Jahre begleiten. Ungünstige Gewohnheiten in der frühen Kindheit können sich daher langfristig negativ auf die Gesundheit auswirken.
Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sehen für Kinder zwischen drei und vier Jahren täglich mindestens 180 Minuten körperliche Aktivität vor. Davon sollten mindestens 60 Minuten mit mittlerer bis hoher Intensität stattfinden. Zusätzlich sollte die Bildschirmzeit höchstens eine Stunde täglich betragen, während zwischen zehn und 13 Stunden Schlaf empfohlen werden.
Weltweit erreicht lediglich etwa die Hälfte aller Kinder die empfohlenen Bewegungsziele. Bei Jungen liegt der Anteil mit 55,6 Prozent höher als bei Mädchen mit 41,7 Prozent. Studienleiter Kar Hau Chong von der Universität Wollongong in Australien erklärt diesen Unterschied unter anderem damit, dass Jungen in vielen Kulturen häufiger die Möglichkeit bekommen, draußen zu spielen.
Diese Unterschiede zeigen sich in verschiedenen Regionen: Im östlichen Mittelmeerraum erreichen 42,2 Prozent der Jungen, aber nur 28,8 Prozent der Mädchen das Bewegungsziel. In Europa liegen die Werte bei 62,8 beziehungsweise 44,1 Prozent, in Nord- und Südamerika bei 72,8 beziehungsweise 61,3 Prozent. Besonders niedrig sind die Werte in Südostasien, wo lediglich 26,0 Prozent der Kinder ausreichend aktiv sind.
Vom Spielplatz zum Bildschirm
Viele Erwachsene erinnern sich noch an eine Kindheit, in der ganze Nachmittage draußen mit Freunden verbracht wurden. Heute sieht der Alltag vieler Familien anders aus. Ein großer Teil des Lebens spielt sich in Innenräumen ab, und selbst kleine Wege werden häufig nicht mehr zu Fuß zurückgelegt.
Aufzüge und Rolltreppen ersetzen Treppen, kurze Strecken werden gefahren und spontane Bewegung wird seltener. Kinder klettern weniger, spielen seltener Verstecken und verbringen weniger Zeit draußen. Besonders in Städten kommt hinzu, dass geeignete und sichere Orte zum Spielen und Toben fehlen können. Nicht jedes Bewegungsangebot ist zudem kostenlos oder für Familien leicht zugänglich.
Hinzu kommen Smartphones, Computerspiele und soziale Netzwerke, die einen erheblichen Teil der Freizeit beanspruchen können.
Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich immer früher
Zu wenig Bewegung bleibt nicht ohne Konsequenzen. Nach Angaben der WHO ist etwa jedes dritte Kind übergewichtig.
Auch Haltungsschwächen und Haltungsschäden treten bei Kindern und Jugendlichen zunehmend auf und können mit Rückenschmerzen verbunden sein. Darüber hinaus wird bei jungen Menschen immer häufiger ein Typ-2-Diabetes festgestellt – eine Erkrankung, die lange vor allem mit höherem Alter, Bewegungsmangel und einer unausgewogenen Ernährung in Verbindung gebracht wurde.
Besonders wichtig ist körperliche Aktivität außerdem für die Entwicklung stabiler Knochen. Bewegung während der Kindheit und Jugend beeinflusst die spätere Knochendichte. Bewegungsmangel kann deshalb langfristig das Risiko für Osteoporose erhöhen, insbesondere bei Frauen.
Vereinssport allein gleicht langes Sitzen nicht aus
Zwei Stunden Schulsport pro Woche reichen nicht aus, um einen ansonsten bewegungsarmen Alltag auszugleichen. Auch ein regelmäßiges Training im Turnverein, Taekwondo oder Ballett kann die vielen Stunden im Sitzen nicht vollständig kompensieren.
Dabei gibt es einen bemerkenswerten Widerspruch: Noch nie waren so viele Kinder in Sportvereinen aktiv. Rund 80 Prozent werden im Laufe ihrer Kindheit oder Jugend Mitglied in einem Verein. Viele lernen schon früh anspruchsvolle Bewegungsformen wie Schwimmen, Skifahren oder Inlineskaten. Dennoch entwickeln sich grundlegende motorische Fähigkeiten nicht immer ausreichend.
Dabei zeigen Untersuchungen seit Langem, dass körperlich aktive Kinder trotz der höheren Aktivität nicht häufiger verunglücken müssen als weniger bewegliche Gleichaltrige. Im Gegenteil: Ein gut entwickelter Gleichgewichtssinn und schnelle Reaktionen können vor Stürzen schützen. Wer seinen Körper sicher beherrscht, kann Risiken häufig besser einschätzen und auf unerwartete Situationen reagieren.
Motorische Fähigkeiten entstehen durch Ausprobieren
Bewegungen kleiner Kinder wirken zunächst oft noch unbeholfen. Koordination und Bewegungsabläufe müssen sich erst entwickeln. Manche Fähigkeiten entstehen deshalb erst vergleichsweise spät: Erst etwa mit fünf Jahren kann ein Kind beispielsweise sicher auf den Zehen stehen, und erst mit ungefähr sechs Jahren gelingt das Hüpfen auf einem Bein.
Mit zunehmender Entwicklung werden Bewegungen präziser, schneller und zunehmend automatisiert. Dabei spielen sowohl individuelle Voraussetzungen als auch regelmäßiges Üben eine Rolle.
Kinder brauchen deshalb möglichst viele Gelegenheiten, ihren Körper spontan einzusetzen. Sie lernen durch Rennen, Balancieren, Klettern und Ausweichen. Nur durch solche Erfahrungen entwickeln sie ein Gefühl dafür, wie sie Hindernisse überwinden, Entfernungen einschätzen oder sich sicher durch einen Raum und zwischen anderen Menschen bewegen können.
Orientierung für den täglichen Bewegungsumfang
Nach den Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums gelten folgende Richtwerte:
Säuglinge und Kleinkinder
Sie sollten sich möglichst viel bewegen können. Der natürliche Bewegungsdrang sollte dabei nicht unnötig eingeschränkt werden.
Kinder im Kindergartenalter
Empfohlen werden mindestens 180 Minuten Bewegung pro Tag, gerne auch mehr.
Grundschulkinder
Sie sollten täglich mindestens 90 Minuten körperlich aktiv sein, möglichst mit moderater bis hoher Intensität.
Jugendliche
Auch für Jugendliche werden täglich 90 Minuten Bewegung mit moderater bis hoher Intensität empfohlen.



