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Jetzt ist genug!: Warum der Wunsch zu gehen kein Desinteresse ist

  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die bleiben bis zum letzten Glas, und andere, die innerlich schon beim Ankommen den Abschied vorbereiten. Während die einen erst langsam in Stimmung kommen, spüren die anderen erstaunlich früh: Für mich reicht es jetzt. Doch was sagt dieser Wunsch, zügig aufzubrechen, eigentlich über uns aus? Mehr dazu im LSJonline-Mittagsmagazin.


Genau hier setzt die Psychologin und Autorin Jodi Wellman an – und widerspricht dieser Annahme deutlich.


Warum „länger bleiben“ kein Qualitätsmerkmal ist


Wellman argumentiert, dass unser emotionales Erleben meist einem klaren Muster folgt: Gefühle steigen an, erreichen einen Höhepunkt – und lassen danach nach. Das gilt für schöne wie für belastende Situationen.


Ein Treffen kann sich beispielsweise dann am intensivsten anfühlen, wenn ein wichtiges Gespräch gelingt, gemeinsames Lachen entsteht oder einfach ein Moment von Nähe da ist. Danach passiert oft nichts grundlegend Neues mehr.


Der Psychologe Daniel Kahnemann beschreibt dieses Phänomen mit der sogenannten "Peak-End-Regel": In unserer Erinnerung zählen vor allem der stärkste Moment und der Abschluss einer Erfahrung – nicht ihre Länge. Wer also über den eigenen Höhepunkt hinaus bleibt, verbessert das Erlebnis nicht automatisch. Im Gegenteil: Die Stimmung kann kippen.


Wenn Reize zu viel werden


Gerade feinfühlige Menschen nehmen viele Eindrücke gleichzeitig auf. Gespräche, Geräusche, Stimmungen – alles wirkt parallel. Das kann bereichernd sein, aber auch schnell erschöpfen.


Bleibt man dann entgegen dem eigenen Empfinden zu lange, kann Überforderung entstehen. Ähnliches gilt für Menschen, die sehr reflektiert, kreativ oder komplex denken. Laut der "Cognitive-Load-Theorie" kann der mentale Aufwand irgendwann größer werden als der persönliche Gewinn. Für Freizeitmomente ist das selten das, was wir uns wünschen.


Zeit ist nicht für alle gleich wertvoll


Was als „gut genutzte Zeit“ gilt, unterscheidet sich stark von Person zu Person. Manche lassen sich gerne treiben und bleiben, solange es sich stimmig anfühlt. Andere hingegen haben viele Bedürfnisse, Interessen und Ideen gleichzeitig.


Diese sogenannten erfahrungseffizienten Menschen möchten verschiedene Dinge miteinander verbinden: Erholung, Austausch, Rückzug, Inspiration. Kurz und bewusst gewählt klappt das oft gut – ausgedehnt meist nicht.


Wenn sie das Gefühl haben, in einer Situation festzustecken, die sich überdehnt, empfinden sie das nicht selten als regelrecht schmerzhaft. Ihre Gedanken wandern dann zu all dem, was stattdessen möglich wäre – selbst wenn es nur früher Schlaf ist.


Persönlichkeit spielt eine Rolle – aber nicht nur Introversion


Ob jemand schneller genug hat oder nicht, hängt stark mit der Persönlichkeit zusammen. Introvertierte Menschen ziehen sich oft früher zurück, weil soziale Umgebungen ihre Energie schneller verbrauchen.


Aber auch sehr offene, neugierige Personen zeigen häufig Erfahrungseffizienz. Ihnen reicht ein kurzer, intensiver Eindruck, bevor sie sich innerlich schon dem nächsten Erlebnis zuwenden möchten. Es geht also nicht nur um Rückzug, sondern auch um Vorwärtsdrang.


Früh gehen oder lange bleiben: Beides darf sein


So unterschiedlich wir sind, so unterschiedlich dürfen auch unsere Impulse sein. Und sie können sich von Tag zu Tag ändern. Es gibt Abende, die wir bis zum Schluss genießen – und andere, bei denen uns das Ende fast zu spät kommt. Vielleicht ist frühes Gehen kein Affront, sondern ein Akt der Selbstfürsorge. Und vielleicht ermutigt es sogar andere, ebenfalls genauer hinzuspüren, wann für sie ein Moment wirklich rund ist.

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