Selbstzweifel verstehen: Warum das Gefühl, nicht gut genug zu sein, kein Makel ist
- vor 4 Stunden
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Sich hin und wieder unzulänglich zu fühlen, gehört zum Menschsein dazu. Fast jede:r kennt Momente, in denen der Blick nach links und rechts zu der Frage führt: Warum scheinen alle anderen das mühelos hinzubekommen – nur ich nicht?
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Solche Phasen sind meist kein Alarmsignal, sondern eher ein Hinweis. Nicht darauf, dass mit uns etwas nicht stimmt – sondern darauf, dass wir unsere Maßstäbe überprüfen dürfen.
Die folgenden Impulse können helfen, wenn das nagende Gefühl länger bleibt als uns lieb ist.
1. Wer bestimmt eigentlich, was „ausreichend“ ist?
Um sich ungenügend zu fühlen, braucht es einen Maßstab. Doch woher kommt dieser eigentlich? Viele unserer Vorstellungen davon, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat, übernehmen wir unbemerkt aus unserem Umfeld. Bestimmte Beziehungsmodelle, Karriereetappen bis zu einem gewissen Alter, ein strukturierter Alltag, produktive Hobbys – all das wirkt schnell wie eine unsichtbare Checkliste.
Doch diese Checkliste ist kein Naturgesetz. Sie ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Was als „erfolgreich“, „attraktiv“ oder „leistungsstark“ gilt, wurde von Menschen definiert – und kann ebenso gut hinterfragt werden.
Es gibt keinen objektiven Maßstab für ein gelungenes Leben. Unterschiedliche Lebenswege, Fähigkeiten und Bedürfnisse bedeuten auch unterschiedliche Formen von „genug“. Dein persönliches Bestes muss nicht dem Ideal anderer entsprechen.
2. Perspektivwechsel: Sprich mit dir wie mit einem Lieblingsmenschen
Die innere Stimme kann hart sein. Oft strenger als jede äußere Kritik.
Eine hilfreiche Übung: Stell dir vor, deine beste Freundin oder dein bester Freund würde genau das über sich denken, was du gerade über dich denkst. Würdest du zustimmen – oder würdest du widersprechen?
Wahrscheinlich würdest du Mitgefühl zeigen, relativieren, stärken. Warum also nicht diese Haltung dir selbst gegenüber einnehmen? Selbstmitgefühl ist kein Luxus, sondern eine Fähigkeit, die Selbstzweifel entschärft.
3. Unvollkommenheit ist kein Makel – sie verbindet
Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte in den 1950er-Jahren das Konzept der „good enough mother“. Seine Kernaussage: Kinder brauchen keine perfekten Bezugspersonen – sie profitieren von echten, fehlbaren Menschen.
Übertragen auf unser Leben bedeutet das: Fehler sind keine Beweise für Unzulänglichkeit. Sie machen uns greifbar, nahbar und menschlich. In Beziehungen – ob freundschaftlich oder partnerschaftlich – entsteht Nähe oft gerade dort, wo wir Schwächen zeigen.
Natürlich geht es nicht darum, Nachlässigkeit zu feiern. Aber darum, anzuerkennen: Makellosigkeit ist kein Qualitätsmerkmal für einen guten Menschen. Wachstum entsteht durch Reibung – nicht durch Perfektion.
4. Dein Wert misst sich nicht an Titeln oder Besitz
Berufliche Positionen können neu besetzt werden. Wohnungen wechseln die Bewohner:innen. Dinge verlieren ihren Wert.
Was jedoch nicht austauschbar ist, bist du in deiner Art. Dein Humor in angespannten Momenten. Deine Art zuzuhören. Dein Blick auf die Welt. Deine Reaktionen, dein Mitgefühl, deine Energie.
Leistung und Besitz sind äußere Faktoren. Persönlichkeit, Haltung und Herzenswärme sind innere Qualitäten. Wenn Menschen dich schätzen, dir vertrauen oder sich in deiner Nähe wohlfühlen, ist das ein deutliches Zeichen: Du bringst bereits etwas Wertvolles mit.
5. Gefühle lassen sich nicht wegdrücken – aber verstehen
Unangenehme Emotionen verschwinden selten dadurch, dass wir sie loswerden wollen. Das Gefühl, nicht zu genügen, ist da – und darf erst einmal da sein.
Statt es zu bekämpfen, kann Neugier helfen:
Wann taucht es besonders stark auf?
Welche Situation oder welcher Gedanke ging voraus?
Welche Erwartung an dich selbst steckt dahinter?
Gefühle sind Hinweise, keine Urteile. Auch wenn der Gedanke „Ich bin nicht genug“ inhaltlich nicht stimmt, signalisiert das Gefühl oft etwas Wichtiges – vielleicht Überforderung, vielleicht zu hohe Ansprüche, vielleicht Erschöpfung. Manchmal möchte es uns schlicht daran erinnern: Atme. Lass los. Du musst nicht mehr sein, als du gerade bist.
Fazit
Selbstzweifel sind keine Schwäche, sondern Teil unserer inneren Dynamik. Entscheidend ist nicht, ob sie auftauchen – sondern wie wir mit ihnen umgehen.
Es gibt kein universelles „Genug“. Es gibt nur dein persönliches Maß – und das darf sich immer wieder verändern.



