top of page

Lazy Parenting: Wie viel Gelassenheit der Familienalltag wirklich verträgt

Aktualisiert: 19. Jan.

Eltern sollen sich zurücklehnen, weniger steuern und den Kindern mehr zutrauen – zumindest verspricht das der Ansatz des sogenannten Lazy Parenting.


Mehr dazu heute in #MOMMYTIME.


Die Idee dahinter: Wenn Erwachsene nicht ständig eingreifen, entspannt sich der Familienalltag fast von selbst. Eine verlockende Vorstellung. Funktioniert dieses Konzept im echten Leben tatsächlich?


Was steckt hinter Lazy Parenting?


Lazy Parenting ist kein fest verankertes Erziehungsmodell mit wissenschaftlichem Regelwerk. Vielmehr handelt es sich um einen modernen Sammelbegriff für verschiedene pädagogische Strömungen. Anklänge an Montessori sind ebenso zu finden wie Gedanken aus dem Attachment Parenting.


Wichtig ist: Der Begriff „lazy“ meint nicht Nachlässigkeit. Es geht vielmehr um eine bewusste Abgrenzung von Eltern, die permanent organisieren, eingreifen oder Probleme vorsorglich aus dem Weg räumen. Stattdessen lautet die Botschaft: weniger Kontrolle, weniger Verbote und mehr Eigenverantwortung für Kinder. Das Ziel sind selbstständige Kinder – und Eltern, die sich nicht ständig am Limit bewegen.


Doch was passiert, wenn man diese Theorie in den Familienalltag überträgt?


Streit unter Kindern: Zuschauen statt eingreifen?


Ein zentrales Prinzip des Lazy Parenting lautet: Kinder sollen Konflikte möglichst eigenständig lösen. Schließlich gehört Streiten – und sich wieder zu versöhnen – zum Lernprozess dazu.


In der Realität sieht das so aus: Alle paar Minuten lautes Geschrei. Anschuldigungen fliegen durch die Wohnung, Tränen ebenfalls. Natürlich lernen Kinder dabei soziale Kompetenzen. Für Eltern bedeutet das allerdings nicht Entspannung, sondern erhöhte Aufmerksamkeit. Denn gerade wenn man nicht sofort eingreift, muss man den richtigen Moment abpassen, um eine Eskalation zu verhindern.


Von Zurücklehnen kann also keine Rede sein. Am Ende sind es doch wieder die Erwachsenen, die trösten, moderieren oder schlicht schlichten müssen.


Selbstbeschäftigung: Gute Idee, schwierige Umsetzung


Ein weiterer Gedanke des Lazy Parenting: Kinder müssen nicht ständig bespaßt werden. Sie dürfen – und sollen – ihre Freizeit selbst gestalten. Klingt vernünftig.


Nach Kita und Schule zeigt sich jedoch oft ein anderes Bild: Die Kinder sind müde, hungrig und suchen Nähe. Der Satz „Spiel doch erstmal allein“ wirkt in solchen Momenten wenig einladend. Trotzdem lässt sich der Alltag nicht komplett pausieren – Haushalt und Organisation warten nicht.


Deshalb sollte sich ein Mittelweg finden lassen. Beispiel: Erst gemeinsam ankommen, essen, lesen oder eine kurze Bildschirmzeit. Danach folgt eine klare Phase, in der sich die Kinder allein beschäftigen, während die Eltern andere Aufgaben erledigen. Kein radikales Lazy Parenting, aber ein praktikabler Kompromiss.


Der „Yes-Space“: Weniger Verbote, mehr Ruhe


Ständig „Nein!“ zu sagen, ist anstrengend – für Kinder wie für Eltern. Lazy Parenting setzt deshalb auf sogenannte Yes-Spaces: Bereiche, die so gestaltet sind, dass Kinder sich dort frei bewegen können, ohne ständig korrigiert zu werden.


Komplett kindersichere Wohnungen sind allerdings oft kahl und wenig wohnlich. Ein gut ausgestattetes Kinderzimmer als verbotsfreie Zone kann hier Abhilfe schaffen. Wenn klar ist, dass dort nichts kaputtgehen oder gefährlich werden kann, müssen Eltern nicht dauernd kontrollieren. Das sorgt tatsächlich für mehr Entspannung auf beiden Seiten.


Natürliche Konsequenzen – sinnvoll, aber begrenzt


Statt Drohungen und Strafen sollen Kinder laut Lazy Parenting die Folgen ihres Handelns selbst erleben. Keine Mütze? Dann wird es kalt. Kein Frühstück? Dann meldet sich der Hunger.


Das klingt logisch, stößt aber schnell an Grenzen. Kleine Kinder können Konsequenzen oft noch nicht richtig einordnen. Außerdem fühlt sich Frieren oder Hunger für sie weniger wie ein Lernmoment und mehr wie eine Bestrafung an.


Hinzu kommt: Viele Alltagssituationen lassen sich nicht sinnvoll über natürliche Konsequenzen regeln. Wände zu bemalen oder Spielzeug durch die Wohnung werfen erfordert eben doch Erklärung, Begleitung und klare Grenzen.


Mithilfe im Haushalt: Heute mühsam, morgen hilfreich


Ein Punkt, der dem „lazy“ im Lazy Parenting tatsächlich nahekommt: Kinder werden aktiv in den Haushalt eingebunden. Sie saugen, fegen oder räumen mit auf.


Kurzfristig bedeutet das meist mehr Arbeit statt weniger. Ein Kind fegt selten gründlich, und Geduld ist gefragt. Langfristig kann sich dieser Einsatz jedoch auszahlen: Kinder lernen Verantwortung und verstehen, dass Haushalt Teamarbeit ist.


Faul ist das also nur auf lange Sicht – dann nämlich, wenn aus kleinen Helfern selbstständige Mitmacher geworden sind.

bottom of page